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Vaktijdschrift BALANCE•  VerWandlung

Heft 2/2016

VerWandlung                                           Zusatztexte zum Heft

DER BAUM – KRAFT UND WANDLUNG   

Auszug aus dem Artikel  von Edelgard Seebauer    

Wer das Glück hat, eine Birke vor dem Fenster zu haben, weiß, dass Bäume tanzen. Sie tanzen immer, auch ohne Blätter, in Sturm und Regen, bei Eis und Schnee. Und ganz besonders zart tanzen sie im ersten Frühlingszauber, im hellen Schimmer ihrer Blätter in der lichten Luft. Sich der sinnlichen Wahrnehmung des Baumes in seiner sich ständig wandelnden Gestalt jeden Tag ein paar Minuten zu widmen, macht gelassen, heil und heiter. Spätestens seit dem 2015 erschienenen und mittlerweile zum Bestseller avancierten Buch ‚Das geheime Leben der Bäume’ des Försters Peter Wohlleben wissen wir, dass Bäume miteinander kommunizieren, sich gegenseitig schützen und stützen, „liebevoll ihren Nachwuchs umsorgen und alte und kranke Nachbarn pflegen. Bäume haben Empfindungen, Gefühle, ein Gedächtnis. Unglaublich? Aber wahr!“

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Hermann Hesse wusste: “Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.“
Bäume scheinen ewig. Tatsächlich sind sie urzeitliche Zeugen der Geschichte. Seit über 60 Millionen Jahren gibt es sie, wenn auch unterbrochen im mitteleuropäischen Raum am Ende des Tertiär vor ca. 1,8 Millionen Jahren durch mehrere Eiszeiten, die sich hinzogen. Erst 8000 v. Chr. gab es in die versteppte Wüste die ersten ‚Heimkehrer’: Kiefer und Birke. Weitere 2000 Jahre später kamen Hasel, und im Verlauf der Optimierung des Klimas Eichenmischwälder mit Linden, Ulmen, Ahorn und Eschen. In der kühleren Bronzezeit, ca. 2000 v. Chr. setzte sich die Buche durch.

Seither ist der Baum in allen Kulturen der Welt verbunden mit dem Menschen und seinen Vorstellungen vom Dasein im Irdischen und im Göttlichen, seiner Zugehörigkeit zu den verschiedenen Ebenen des Seins. Er wurde zum Symbol einer zentralen Säule der Welt, der ‚axis mundis’, dem Weltenbaum oder dem Lebensbaum, der die verschiedenen Welten miteinander verbindet: den Himmel, die Erde und die Unterwelt. Wohl am ältesten ist die weltweite Vision des Baumes als ‚Weltenbaum’ in der auf die beseelte Natur bezogenen Kosmologie des Schamanismus: Er verbindet die drei kosmischen Regionen des Himmels, der Erde und der Unterwelt miteinander und bildet zugleich die Leiter, auf der die Schamanin von einer Ebene in die andere reisen kann, um in der jeweiligen Region im Dienste der Gemeinschaft Kontakt aufzunehmen mit Geistwesen und Ahnen, mit helfenden und zerstörerischen Kräften, Göttinnen und Göttern.

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Eine schamanische Vision ist, dass in den Wipfeln der Bäume neue Schamanen wachsen. Daher wird die Initiation zur Schamanin, zum Schamanen bei einigen Völkern durch die rituelle Besteigung eines Baumes vollzogen. Dort im Wipfel verbringen sie eine lange Zeit, Tag und Nacht, im Kontakt mit den Elementen, mit Sonne, Mond und Sternen und vor allem mit ihren Ahninnen und Ahnen, ihren Schutzgeistern und Dämonen, bis sie sich als initiiert erfahren und ihre Heilarbeit zum Wohle von Pflanze, Tier und Mensch ausüben dürfen.

Dem entspricht im germanischen, slawischen und keltisch-romanischen Volksglauben die Vorstellung, dass die Seelen ungeborener Kinder in Vogelgestalt auf den Zweigen eines Baumes warten, bis sie in die menschliche Gestalt geboren werden. Im nordischen Schöpfungsmythos, werden Mann und Frau aus ‚Ask’ (Esche) und ‚Embla’ (Ulme) erschaffen. Umgekehrt gibt es auch in vielen Kulturen die Vorstellung, dass die Seelen der Toten zurückkehren auf die Bäume und sich dort beheimaten. Es ist bekannt, dass bei bestimmten Naturvölkern sich Sterbende im Wald verbargen und dort ihren Tod erwarteten. Überhaupt gilt der Wald als Ort der Seele, der Initiation und Wandlung, was sich in unzähligen Mythen und Märchen finden lässt.

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Der Baum ist Metapher für den Lebensprozess des Menschen, für seine Entwicklung im körperlichen, seelischen und geistigen Wachstum. Er symbolisiert die Wandlung, die sich im Aufstieg des Bewusstseins aus der Materie vollzieht und, mit den Worten C. G. Jungs gesprochen, das Ich mit dem Selbst verbindet. Der Baum ist dann der ‚Lebensbaum’, der die verschiedenen Dimensionen miteinander verbindet, auch den Aufstiegsprozess im Spirituellen zu beschreiben vermag.

 

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