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Vaktijdschrift BALANCE•  Ewigkeit im Augenblick

Heft 1/2013

Ewigkeit im Augenblick

 

Am steten Punkt ist der Tanz

Auszug aus dem Artikel von Otto Betz

 

Gehört es nicht zu den größten Sehnsüchten des Menschen, aus der Vergänglichkeit auszusteigen und eine Überzeitlichkeit zu gewinnen, die uns der Brüchigkeit des dauernden Wandels und Vergehens enthebt?

Manche Ereignisse unseres Lebens haben eine besondere Nähe zum flüchtigen Geschehen, sie fliegen gleichsam davon und erst im Augenblick des Entschwindens geht uns vielleicht ihre Kostbarkeit auf. Wem beim Tanz eine Bewegung gelungen ist, in die er sich ganz hineinbegeben und ausgedrückt hat, der kann doch nicht sicher sein, dass ihm die gleiche Figur ein zweites Mal gelingt. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig, es genügte, dass einmal etwas geschehen ist, was uns in Staunen versetzt hat; wir haben etwas verkostet, was über die pure Vergänglichkeit hinausreicht und eine neue Gültigkeit erlangt hat.      

In seinen Pariser Jahren beobachtete Rainer Maria Rilke häufiger die Straßenartisten. Eine junge Tänzerin muss ihm besonders aufgefallen sein; er denkt darüber nach, wie endlos lange die Probenzeit gewesen sein muss, wie hart der körperliche Drill ihr zugesetzt hat, bis der Sprung leicht wurde und die Anmut trotzdem nicht verloren ging. Und dann staunt er darüber, dass die junge Tänzerin noch lächeln kann, jenseits der bitteren Tränen, die geweint worden sind. Und er hat den Eindruck, dieses Lächeln, in dem sich der Sieg über das Ungenügen ausdrückt, müsse bewahrt werden, dürfe nicht verloren gehen.

In der fünften Duineser Elegie 1) stehen diese wunderbaren Verse:

      „Und dennoch, blindlings,
      das Lächeln…..
      Engel! o nimms, pflücks, das kleinblütige Heilkraut.
      Schaff eine Vase, verwahrs! Stells unter jene, uns noch nicht
      offenen Freuden; in lieblicher Urne
      rühms mit blumiger schwungiger Aufschrift: „Subrisio Saltat“

Was da geschehen ist, der geglückte Sprung der Tänzerin, die gültige Ernte ihrer langen Mühen, der scheinbar mühelose Tanz mit lächelndem Gesicht, der wird als so kostbar empfunden, dass er nicht einfach vorüber und verloren sein kann: man muss ihn ins Bleibende retten. Und wer könnte dazu in der Lage sein? Es muss schon ein Engel kommen und eine Form finden. So wie die Pharmazeuten ihre Heilkräuter und Arzneien in ein Gefäß geben, das sie – zur schnelleren Wiedererkennung – mit einem lateinischen Namen versehen, soll auch der Engel diesem gültigen Lächeln der Tänzerin eine Aufschrift mitgeben: „Das Lächeln der Springer“.

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