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Vaktijdschrift BALANCE•  Wo ich ende und du beginnst

Heft 1/2020

Auszug aus dem Artikel von Gunter Friedrich

Begegnungen auf dem Weg

Der Philosoph Martin Buber sagte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Ein Thema, das mich immer wieder bewegt. Das Neue, das sich in unserem Leben auf unserem Weg regt, kann sich nur durch Begegnungen verwirklichen. Neues bedarf der Bereitschaft, es aufzunehmen, der „Luft“, um sich entfalten zu können. Der freie Raum hierfür entsteht, wenn alte Lebensmuster abbröckeln, wenn vieles sich reduziert, was bislang den Raum füllte.


So führen neben allem Glück Begegnungen auch zu Schmerzen vielfacher Art. Wenn wir sie annehmen und nach ihren Ursachen forschen, kann durch sie hindurch ein Einssein aufleuchten das uns den Weg zueinander weist. Wir treffen einen Menschen, reichen ihm vielleicht die Hand, wechseln ein paar Worte. Ein Blick vermittelt einen Eindruck. Wir sind vorsichtig, denn wir haben Erfahrungen gemacht, die nicht immer gut waren. Unser Herz folgt indes seinen eigenen Wegen, denn spontan, ungeachtet aller Erfahrungen, begründet es Nähe oder Distanz, lässt sogar Liebe aufflammen oder heftige Abneigung. Hinterher, nach einer Begegnung, ist es uns manchmal peinlich, wie wir uns verhalten haben.

„Aber wir hängen doch zusammen“, wendet das Herz ein, „lass dich nicht beirren. Es passt zu dir, wie du dich verhalten hast; auch dass du Zuwendung, Liebe und Freundschaft verschenkt hast.“ Aber ... die Erfahrung lehrt uns, dass Zuwendung enttäuscht, Liebe verraten, Freundschaft gekündigt werden kann. Und immer geht es dann an die Substanz, werden Wunden geschlagen. Fast täglich können wir den Medien entnehmen, wie Herzenssubstanz zertreten, das Innereigenste eines Menschen auf den Markt gezerrt wird. Etwas in uns protestiert dagegen.

(...)

Könnte es sein, dass sich bei all dem ein ursprüngliches Ereignis wiederholt, sich immer wieder neu abspielt, wie bei einer Schallplatte, die einen Sprung hat? Die Umstände sind immer anders, aber das Geschehen ist immer dasselbe: das Zerbrechen von Einssein, das Nach-Außen-Treten von Innerem, das Erzeugen einer Außenwelt, in der sich Inneres verfremdet gegenübertritt.

„Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein / und nichts als das und immer gegenüber.“ (Rilke) Wir treten einander gegenüber – und wenn wir uns dabei sehr nahe kommen, erleiden wir Schmerzen, inmitten allem Beglückenden. Derselbe Dichter fragt: „Sollten nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen fruchtbarer werden?“ Und er kommt zu dem Ergebnis: Sie drängen uns dazu „mehr zu sein, als wir selbst“.

Was ist das, dieses „Mehr“? Schauen wir zuvor noch auf das Sich-Begegnen. Es ist immer mit irgendeiner Art von Zuwendung verbunden. Wir haben Öffnungen, Türen zueinander, sind keine abgeschlossenen Wesen. Und so leben wir ineinander hinein mit unseren Gedanken, Empfindungen, unserer Psyche. Bei eingehenderen Begegnungen entstehen Räume psychischer Art, bilden die einander Begegnenden eine gemeinschaftliche Atmosphäre. Von jedem fließt dort etwas hinein und vermischt sich mit dem Anderen. Es gleicht dem Mixen eines Getränkes – und jeder trinkt davon. So absorbieren wir einander, verwandeln uns aneinander, treten uns in dem Anderen gegenüber. Manchmal ist es wunderbar, manchmal furchtbar. Doch stets verwandeln wir uns dabei ein wenig. Aber gelangen wir auf diese Weise zu dem „Mehr-Sein“, von dem Rilke spricht?
(...)

Weiteres lesen Sie im Heft.               


THE SPACE BETWEEN

In the space between us
is the hope for our healing
Quiet
Compassionate
Space.
To be filled,
not with activity,
but still presence.
To be bridged
not with demand,
but affirmation.
Space
In which to move
to the music of love,
to reach gently
for the touch
of intimate understanding.

But space too
for the naming of pain,
the owning of anger,
the touching of terror.
Space to bring
nightmares into the light,
to find the shards
of shattered dreams.

So let there be space
between us.
Growing space.
Breathing space.
Healing space.
Do not crush me with your
kindness,
nor permit me to
posess your pain.

Let there be space
for God do breathe in.

Veronica Faulks

 


Vollständige Rezension von Sabine Grumann
zum Buch von Friedel Kloke-Eibl:


Tanz und Klang und tiefe Stille

Ich war in etwa Mitte dreißig, als ich erstmals auf Tänze von Friedel Kloke-Eibl stieß. Damals war ich noch jung und tanzte voller Leidenschaft. In Friedels Tänzen begegnete mir etwas Neues, das mir im Tanz so intensiv bislang nicht zugänglich geworden war. Ich erlebte ihre Tänze außergewöhnlich tief, je konzentrierter und wachsamer ich mich in sie hinein zu tanzen wagte. Wenige Jahre darauf lernte ich Friedel dann auch persönlich kennen.

Heute, viele Jahre später, freue ich mich, ihr Lebenswerk in der Gestalt eines Buches in Händen halten zu dürfen. Mir scheint ihr Buch ein gelungener Spiegel geworden zu sein für ihr Lebenswerk, das sie weltweit geschaffen hat und mit ihm einhergehend für ihr Wesen, aus dem heraus es entstanden ist. Durch das Buch scheint ein Mensch von außergewöhnlicher Tiefe und Weite hindurch. Es beschreibt die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit eines Menschen, einer Frau, die in ganz unterschiedlichen, teilweise hochkomplexen, Tanzschöpfungen ihren Ausdruck finden konnten. Es lässt einen politischen Menschen sichtbar werden, der sich weltweit, tatkräftig und ohne Scheu für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen versucht. In dem Buch kommt mir ein mystisch geprägter Mensch entgegen, der Zeit seines Lebens außen und innen, Himmel und Erde, nah und fern, unten und oben, vor und zurück, Dunkel und Hell, Männliches und Weibliches, Geistiges, Künstlerisches und Religiöses zu verbinden versucht.

Friedel Kloke-Eibl (geb. 1941) ist Mutter von drei Kindern, Tänzerin, Choreographin, Fremdsprachensekretärin, Dolmetscherin, Philosophin und Künstlerin zugleich. Sie entwickelte die von Prof. Bernhard Wosien begründete „Meditation des Tanzes – Sacred Dance“ weiter. Dieser war ebenfalls Tänzer, Choreograph, Philosoph, Maler und Lebenskünstler. Die „Meditation des Tanzes“ trägt eine geistige Ausrichtung in sich und beinhaltet die religiöse Dimension. Sie will nicht primär zweckgebunden, sondern vor allem sinnerfüllt sein. Durch sie kann auf besondere Weise die enge Verwobenheit von Körper, Seele und Geist spürbar werden. In ihr verbinden sich geistige Sinnsuche, körperliche wie emotionale Sinnlichkeit und das Erleben der Wirklichkeit mit allen Sinnen. Neben Schönheit und Weisheit birgt sie ein liebevolles Miteinander in sich. In ihrer weiten und tiefen Gestalt kann sie allumfassendes Gebet sein. Sie erschließt sich dem Menschen in einer Art Einweihungsweg.

Wie auch bei Wosien liegen Friedel Kloke-Eibls tänzerische Wurzeln im Klassischen Ballett. Seit dem 5. Lebensjahr ist sie vertraut damit. Im Einweihungsweg der „Meditation des Tanzes“ werden diese Wurzeln gut sichtbar. Er vollzieht sich, angelehnt an die Positionslehre des Klassischen Tanzes, als Drei-Stufenweg. Die erste Position ist die des Lehrlings, die zweite die des Gesellen, die dritte die des Meisters. Alle drei Stufen werden in der Gestalt der „Méditation en croix“ durchlebt. Diese fordert tägliches Training, Hingabe und auch das Annehmen von Schmerzen. Ähnliches begegnet uns auf dem Kreuzweg Jesu. Jedem Menschen, dem eigene Kreuzwege im Leben vertraut geworden sind, werden gleiche oder ähnliche Aspekte bekannt vorkommen. Die Zielsetzung der „Méditation en croix“ ist eine geistige. Sie sehnt sich nach der Vereinigung mit dem göttlichen Ursprung.

In ihrem Buch schreibt Friedel Kloke-Eibl des Weiteren über den Rhythmischen Schwung und den poetischen Melos, über Schönheit und Anmut, Träume und Symbolik, über die Unterscheidung von Wissen und Erkennen, Didaktik, Methodik und den „pädagogischen Eros“. Sie macht die Suche nach Harmonie und Frieden zum Thema und das Kreistanz-Lehren und -Lernen. Sie äußert sich zu ihren Tanzschöpfungen, wie sie aus ihr heraus entstehen und sich Tanzenden, Hörenden und Schauenden sowie Lesenden erschließen können. Dies zeigt sie an einzelnen Beispielen auf. Durch ihre Tänze scheint die Persönlichkeit einer großen Künstlerin hindurch. Des Weiteren erzählt das Buch von ihrem Einsatz und ihr Herz für die Kinder dieser Erde, die in großer Not sind. Mit acht Jahren bereits wurde der Wunsch dazu in ihr geboren. Das Buch berichtet von der Gründung des gemeinnützigen Vereins Stichting Favela-Kinder, der Entstehung und dem Aufbau ihrer Favela-Projekte, die ganz besonders auch von ihrer Tochter Saskia mitinitiiert worden sind und stark mitgetragen werden.

Menschen, die sich für die Geheimnisse des Lebens interessieren, können sich im Lesen des Buches einer der vielfältigen Wege dorthin erschließen. Das Werk spiegelt ganz unterschiedliche innere und äußere Aspekte von Leben wider, die sich im Laufe eines reichen Lebens immer mehr zu einer stimmigen Einheit und Ganzheit zusammengefügt und weltweit Ausstrahlung gefunden haben. Diese zeigt seit vielen Jahren wie auch im Hier und Jetzt intensive Wirkung.

Sabine Grumann

 


Wir möchten auf einen Artikel von Regina Keßler, in Zusammenarbeit mit Birgit Krauß und Daniela Siegrist,
der in der Zeitschrift "Kreise ziehen" erschienen ist hinweisen und hier vorstellen.


Die Heilkräfte in der Meditation des Tanzes –
Eine Spurensuche in den Zeugnissen von Bernhard Wosien und Friedel Kloke-Eibl

Tänzerinnen und Tänzer, die sich regelmäßig der Meditation des Tanzes bzw. anderen Formen des sakralen Tanzes widmen, spüren sehr deutlich, wie wohltuend und heilsam sich dieses ganzheitliche Tanzgeschehen auf sie auswirkt. Dafür gibt es vielfältige, teils unergründliche, teils benennbare Gründe, von denen wir einige beleuchten wollen. Es wirken u. a. die Heilkraft der Meditation und des Heiligen; die Heilkraft der Musik und des Tanze(n)s; die Heilkraft der Gebärden und Symbole; die Heilkraft der Weisheit und Poesie.

Die Heilkraft der Meditation und des Heiligen:

Bernhard Wosien (1908 - 1986), dem Begründer der Meditation des Tanzes, wurde nach eigenem Bekunden die grundlegende Erkenntnis zuteil, dass der Tanz ein innerer Weg ist, eine Form der Selbsterfahrung durch Bewegung.1 Er sagt: „Das Objekt der Meditation ist für den Tänzer sein Leib. Dieser ist ihm Tempel, Wohnung und Instrument zugleich. Während der Übungen, während des Tanzes soll er ihm ganz zu eigen werden, ihn bis in jeden Winkel ausfüllen. Das Colloquium internum führt zu sich selbst.“2 Dieses Selbst ist die Wesensmitte, der göttliche Lichtfunken3 des Menschen als homo religiosus4, als Abbild Gottes. Und der Tanz ist nach Wosien der älteste Gottesdienst. Denn „die ältesten kultischen Handlungen sind ein Sich-Öffnen, ein Sich-Bewegen hin zum Licht, ein Sich-Einschwingen ins Licht, ein Tanzen zum Licht.“5 Deshalb tanzen wir meistens nach rechts, der Sonne und dem Licht entgegen. Besonders im klassischen Training spürte Wosien mit den Jahren „die Kraft, die Haltung und Ausrichtung,“6 die von diesem Exercice ausging. Er erlebte dieses strenge Erziehungssystem als den meditativen Einstieg in die Einweihung der Geheimnisse des Kreuzes. Der Tanz ist für ihn eine „musische Botschaft der göttlichen Welt.“7 In der sog. „Méditation en croix“, die in der Schule von Friedel Kloke-Eibl bis heute eine ganz zentrale Stellung einnimmt, können wir diese heilende Trias von Kraft, Haltung und Ausrichtung bis heute erfahren, da uns die Kreuzmeditation unser Ausgespanntsein zwischen Himmel und Erde, unsere Teilhabe am Heiligen und Irdischen erleben lässt. Zu diesen Aspekten ergänzt Friedel Kloke-Eibl die heilsamen Erfahrungen des Sich-Weitens und Sich-Aufrichtens. Ihr Anliegen ist es, Menschen aufzurichten und weit zu machen.

In den Kreisreigen der Völker erkannte Wosien bald diesen ursprünglich religiösen und kultischen Hintergrund der Tänze. Er sagt: „Man muss diese Tänze tanzen, um dies zu entdecken, muss ganz präsent werden (...), um ihre heilende, therapeutische Wirkung zu erleben und zu spüren. Dann eröffnet sich dem Tänzer ihr religiöser Ursprung, der Weg zur Einheit und die Lösung aus der Vereinzelung hin zur Gemeinschaft, zu einem schwingenden Miteinander. Dem Tanzenden fließen Kräfte zu aus einer sich stets regenerierenden Quelle.“8

Diese Quelle, das Heilige, ist uns zugänglich. Denn der Tanz ist für den Tänzer/die Tänzerin zugleich Gebet, eine stumme Zwiesprache der menschlichen Seele mit Gott, zu der auch die leibliche Gestalt gehört. Daher sagt Wosien: Tanz ist „nicht nur Transparenz des Göttlichen, gleichsam wie ein geöffnetes Fenster, ein Ausblick zum Göttlichen. (...) Tanz ist in Zeit und Raum bewegte Form für das Unsichtbare. (...) Der Mensch erlebt im Tanz Verklärung seiner Existenz, übernatürliche, seinsmäßige Umwandlung seines Inneren und Erhebung zu seinem göttlichen Selbst. Tanz (...) ist das Heilige selbst.“9

Friedel Kloke-Eibl, die von Wosien den Auftrag erhalten hat, sein Vermächtnis fortzuführen, schreibt in ihrem neuen Buch: „Beim Tanz in die (der) Stille, beim Tanz, aus der Stille geboren, können die Tanzenden den Einstieg in die Meditation finden und in die eigentliche innere Sammlung, denn die ‚Sehnsucht des Herzens strebt nach Erkenntnis des Göttlichen durch Meditation, nach unmittelbarem Erfassen der Wahrheit durch inneres Schauen und Einswerden der Seele mit dem Göttlichen.’ Wer ‚richtig’ tanzt, den überkommt (...) innere Ruhe und Ausgeglichenheit.“10 Dieses Einswerden der Seele mit dem Göttlichen, das Ganzwerden (vgl. engl.: holy – whole), bzw. die Begegnung mit dem Heiligen und Heilen ist das, was heilt.

Die Heilkraft des Tanze(n)s und der Musik

Wosien bemerkt, dass der Mensch in der Musik und im Tanz alle Höhen und Tiefen seiner Empfindungen ausdrücken kann. So finde der Tänzer im sakralen Tanz als wortloser Zwiesprache mit Gott die Möglichkeit zur Einkehr. Und „im streng gesetzlichen Spiel, aus dem ihm magische Kräfte wachsen, in zweckfreier Gefühlsäußerung, pendelnd zwischen Ekstase, Bewegung und Ruhe, zwischen Vision und Meditation, vermag der tanzende Mensch, willensgelöst, den Hauch des Weltatems zu spüren. So ist Tanz gesteigertes Leben schlechthin, und damit auch abgegrenzt gegen andere rhythmische Bewegungen, die dem sportlichen, gymnastischen Bereich (...) zugeordnet sind."11

Auch wenn der Tanz keine reine Gymnastik ist, so umfasst er freilich alle positiven Heilwirkungen, um deren willen die Ärzte den Menschen Bewegung und körperliche Ertüchtigung empfehlen. Wosien zählt auf: „Wärme, Durchblutung, Schweissausbruch erzeugen inneres Wachwerden, Geschmeidigkeit und Lösung. Das Ein- und Ausatmen ist tiefer, An- und Entspannung ist intensiver, die Korrektur der inneren und äußeren Balance wird immer von neuem geübt. (...) Im Ganzen ist dieser Prozess jedes Mal ein Schritt zur Ichfindung.“12

Aus ganz nüchterner, medizinischer Sicht kann man als Heilwirkungen des Tanze(n)s ergänzen: er stärkt die Muskeln, mobilisiert die Gelenke, verbessert die Ausdauer und Geschicklichkeit, übt das Gleichgewicht/die Orientierung/das Gedächtnis, kurz: er trainiert den ganzen Körper. All dies bewirkt die Meditation des Tanzes auch. Ihr eigentlicher Sinn aber besteht darin, die hörbaren Sinngehalte der Musik mit Hilfe einer Choreographie in sichtbare Bewegung im Raum umzusetzen. Was dadurch äußerlich sichtbar wird, wird zuvor und währenddessen für die Tanzenden auch innerlich spürbar und umgekehrt. Durch die Choreographie wird die Musik also in Bewegung übersetzt und durch das Tanzen werden die Inhalte der Musik für den Tänzer (und ggf. Betrachter) erfahrbar. Je nach Musik können solche Inhalte in den Tänzen von Friedel Kloke-Eibl beispielsweise sein: Freundschaft, Liebe, Freude, Hoffnung, Zuversicht, Vertrauen, Dankbarkeit, Verzeihung, Trost, Frieden, Anbetung etc. Die Sinngehalte und Themen zum tanzenden Nachempfinden und Nachvollziehen sind so umfassend wie die jeweiligen Musiken.13 Wie wir heute aus der sog. Embodiment-Forschung wissen, wirken nicht nur Seele und Geist auf den Körper ein (Psychosomatik), sondern umgekehrt können auch körperliche Erfahrungen die Psyche und den Geist beeinflussen.14 Man kann also nicht nur sagen, „Ich tanze, weil ich glücklich bin!“, sondern auch: „Ich bin glücklich, weil ich tanze!“ Indem der Körper die Bewegungen und Gebärden des Tanzes somit vollzieht, indem er sich z. B. aufrichtet, öffnet, weitet etc., übertragen sich die körperlichen Erfahrungen auch auf die Seele und den Geist. Dies wird potenziert durch die Musik (v. a. die klassische oder geistliche), die durch ihre musikalischen Elemente (Rhythmus, Takt, Tonart, Melodie etc.) und durch ihre spirituelle Kraft eine höhere Ordnung und Harmonie offenbart, in die sich der aus der Ordnung gefallene Mensch buchstäblich wieder einordnen und harmonisieren kann. Die hl. Hildegard von Bingen sagt: „In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen.“15 Und Rudolf Steiner meint, der Mensch fühle in den Vibrationen der Musik seine Urheimat, und die Nachklänge aus dieser geistigen Heimatwelt, der Welt der Freude, ertönten ihm in den Harmonien und Melodien der physischen Welt. 16 Friedel Kloke-Eibl hat dieser Freude u .a. in dem Tanz „Zeitlose Freude“ tänzerischen Ausdruck verliehen. Auch Wosien meint sinngemäß, es sei die Erlebnis- und Erinnerungskraft der Musik, die unsere Seelen nach Hause ruft.17

Die Heilkraft der Gebärden und Symbole

Wo die Sprache nicht mehr hinreicht, da beginnen nach Wosien die pantomimischen Gebärden und der Tanz.18 Daher sagt Friedel Kloke-Eibl: „Tanz ist wie die Musik ein Versuch, das Unsagbare zu sagen. Bei tiefen seelischen Vorgängen sind wir auf Symbole angewiesen, die Bewusstes und Unbewusstes, Vordergründiges und Hintergründiges, Weltliches und Göttliches verbinden. Symbole sind transparent und offenbaren einen tieferen Sinn.19 (...) Sie lassen eine Wirklichkeit erahnen, die über den dargestellten Gegenstand hinausweist.20 Der Vollzug dieser Gesten auf der physischen Ebene (z. B. das Schöpfen aus dem Quell des Lebens) kann dem Tänzer auch das entsprechende Gefühl dieses Wertes auf der psychischen oder geistigen Ebene vermitteln (Embodiment-Forschung, s.o.). Und umgekehrt: Je bewusster oder inniger man eine Gebärde vollzieht, desto intensiver überträgt sich der Sinngehalt der Gebärde auch auf den Körper (Psychosomatik). So wirken diese Gebärden auf der unbewussten Ebene ordnend und heilsam. Dies gilt nicht nur für die (Hand-)Gebärden, sondern nach Wosien auch für die (Fuß-)Positionen des klassischen Tanzes, auf denen der sakrale Tanz beruht, den Friedel Kloke-Eibl weiterentwickelt hat: „Durch sein Ausrichtungsschema ist der klassische Tanz eine Kreuz-Meditation. Daraus entspringt im Wesentlichen seine konzentrierende, harmonisierende und erlösende Kraft.“21

Die Heilkraft der Weisheit und Poesie

Elisabeth Lukas, die berühmte Logotherapeutin und Nachfolgerin von Viktor E. Frankl, hat das Buch geschrieben: Weisheit als Medizin.22 Dass Weisheit als Sinn- und Wertebewusstsein heilsam ist und Torheit in der Bedeutung einer einseitigen Lebenseinstellung krankmachen kann, ist evident. Schon Hildegard von Bingen weiß um die Heilkräfte bzw. Stärken der Seele (klassischerweise auch Tugenden genannt).23 Vergleicht man diese 35 Stärken der Seele nach Hildegard mit F. Kloke-Eibls Tänzen, erkennt man bereits sprachlich, welche Sinn- und Wertfülle in diesen Choreographien und Liedtexten enthalten ist. Vertieft werden diese Inhalte durch poetische Weisheitstexte24, deren Rezitation das Tanzgeschehen bereichert und vertieft. Denken wir nur an die drei christlichen Seelenkräfte „Glaube, Hoffnung, Liebe“ oder an „Wahrheit, Friedfertigkeit, Verehrung der Schöpfung, Lebensfreude“ usw. Auch die Gottesverehrung und die Ehrfurcht zählen zu diesen Heilkräften der Seele. Dazu sagte Wosien einmal in einem Vortrag über die „Sacred dances“: „Seit ältesten Zeiten ist der Mensch (...) als ein betender Mensch mit Flügeln dargestellt worden. Heißt es doch: Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang (Psalm 111.10). “25 Der Tänzer vernimmt durch die Kunst des Tanzes die Kunde der Weisheit, sein Leib ist „gleichsam ein Tempel, in dem die Begegnung mit der göttlichen Wirklichkeit stattfinden kann (...) Unser Tanz soll <daher> unser Gebet sein, jedoch nicht nur im stillen Schreiten des Andante, sondern auch in den frohen Sprüngen des Allegro vivo. Dieses Tun verleiht uns Flügel.“26 In diesem Sinne ist Wosien dem Rat seines Vaters, eines evangelischen Pastors, gefolgt. Für diesen bestand die Sinngebung des Lebens darin, dass das Leben eine Pilgerfahrt vor Gott sei. Daher hatte er ihm geraten: „Sei auf der Suche nach einem Weg, der zu dir selbst führt, (...) folge dem Strom des lebendig machenden Geistes (...).“27 Diese beflügelnde, belebende und heilende Geisteskraft können wir auch heute noch dank des Wirkens von Friedel Kloke-Eibl in der Meditation des Tanzes erfahren, welche die Inspirationen Wosiens aufgegriffen hat und bis heute (inzwischen mit ihrer Tochter Saskia Kloke) in ihrem Ausbildungsinstitut erfahrbar macht.

(Für die Projektgruppe: R. Keßler)
 

Wer sind wir?
Birgit Krauß ist Anleiterin für Meditation, Daniela Siegrist ist Lehrerin und Katechetin; Regina Keßler ist Lehrerin mit Ausbildung in Logotherapie und Existenzanalyse; Wir sind Dozentinnen für Meditation des Tanzes und Absolventinnen des gleichnamigen Aufbaustudiums bei Friedel Kloke-Eibl und Saskia Kloke.

In den 4 Modulen werden die einzelnen Themen jeweils näher beleuchtet. Die Module sind einzeln belegbar.

1Vgl. Bernhard Wosien, Der Weg des Tänzers, Selbsterfahrung durch Bewegung, hrsg. v. Maria-Gabriele Wosien, Bergdietikon 20083, 30

2ebd. 33f

3ebd. 43

4ebd. 77

5ebd. 71

6ebd. 20

7ebd. 19/20

8ebd. 101

9ebd. 31

10Friedel Kloke-Eibl, Tanz und Klang und tiefe Stille – Meditation des Tanzes, Stuttgart 2019, 36

11Wosien, a. a. O., 30

12ebd. 34

13Friedel Kloke-Eibl, Tanz und Klang und tiefe Stille, 37

14Vgl. M. Storch, B. Cantieni, G. Hüther, W. Tschacher, Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, Bern, 20173

15zitiert nach: Prof. A. Burda, Wie Musik unser Leben verändern kann, Katholisches Sonntagsblatt, Nr. 48/2019, S. 14

16Vgl. Claus Caspers, Mysterium Musik. Die abendländische Tradition aus spiritueller Sicht: Von Bach bis Messiaen, Mönchzell 1991, 41

17Vgl. Wosien, a. a. O., 136 und 137

18Vg. Wosien, a. a. O., 72

19Kloke-Eibl, a. a. O., 37

20ebd. 101

21Wosien, a. a. O., 89

22E. Lukas, Weisheit als Medizin. Viktor E. Frankls Beitrag zur Psychotherapie, Stuttgart 1997

23vgl. W. Strehlow, Die Psychotherapie der Hildegard von Bingen. Heilen mit der Kraft der Seele, Stuttgart 2004

24„Bei meinen Choreographien sind für mich Tanz, Musik und Dichtung aufs engste miteinander verknüpft. Die Einheit von Tanz und Musik galt auch in der griechischen Antike, aber sie wäre höchst unvollkommen gewesen, hätte sie nicht das dichterische Wort mit einbezogen.“ Friedel, a. a. O., 110

25Friedel Kloke-Eibl, a. a. O., 41

26ebd. 41f

27ebd. 134

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